Leseprobe „Wenn Trottinette Flügel hätten“

Roman von Nepita Marlise Santiago

 

Einst wurde ein weiser Mann gefragt, ob ein gebrochenes Herz je wieder lieben kann.
Der Weise antwortete: «Ja, das kann es!»
Diese Antwort gefiel dem Fragenden nicht und er stellte höhnisch die nächste Frage:
«Haben Sie jemals versucht, aus einem gebrochenen Glas Wasser zu trinken?»
Lächelnd antwortete der Weise: «Hast du je aufgehört, Wasser zu trinken, nur weil ein Glas zerbrochen ist?»

Selcuk Cakir nach Rumi

 

Anmerkungen der Autorin

Mit dem vorliegenden Buch möchte ich die folgenschweren Auswirkungen, die sexueller Missbrauch haben kann, sichtbar machen. Aber ebenso, dass es auch Wege gibt, um das Leben irgendwann selber in die Hand zu nehmen. Für diese oft sehr beschwerliche Reise wünsche ich allen Betroffenen von Herzen liebevolle BegleiterInnen.

Geschichte und Figuren entsprangen meiner Fantasie – sind jedoch beeinflusst von meinen Erfahrungen als Körper- und Sexualtherapeutin, sowie als selber Betroffene.

Die Geschichte spielt in einem Schweizer Bergtal im Jahr 1995.

Ich habe mich entschieden, das Deutsch-Schweizer Wort «Trottinett» für Tretroller zu verwenden, da es mir authentischer vorkommt und besser in diese Zeit passt.

Nepita Santiago, Februar 2020

 

1

Ich halte nicht mehr lange durch. Und du, Alter, hockst wie eine alte Kröte da oben auf deinem Berg und schweigst. Nina hat genug gelesen. Sie steckt das Blatt, achtlos aus einem Schulheft gerissen, wieder in den Umschlag und klebt ihn sorgfältig zu, streicht die Ränder glatt und prüft das Ergebnis. Nichts zu sehen. Später wird sie ihn beim alten Gregor in den Briefkasten werfen. Oder vielleicht wartet er auch wie so oft am Fenster und bittet sie, die Post ins Haus zu bringen.

Sie sieht ihn vor sich, den früh gealterten Handwerker: Er steht dann jeweils leicht gebückt auf seinen Stock gestützt unter der Tür und jammert über seine alten Knochen und darüber, dass es nicht mehr lustig sei, das Leben. So allein. Wässrig blaue Augen suchen dann ihre grauen, zwinkern, scannen ihren Körper. Ein kleines lüsternes Funkeln blitzt in seinen alten Augen auf. Nina mag diesen Sabberblick nicht.

Fahrig, beinahe ohne dass sie es merkt, streicht sie dann ihr graues Haar noch tiefer in die Stirn, zupft ihre graue Hemdbluse weiter über die Hüfte, hält die Luft an, schluckt.

Sein Blick kehrt zu ihrem zurück. Jaja, wenn sie nicht wäre, die Nina, dann würde er kaum noch jemanden sehen da oben, sagt der Alte dann. Da sei zwar noch der Renzo, der neuerdings einmal in der Woche die Lebensmittel bringe. Und da sind manchmal Wandernde, die nach dem Weg fragen. Aber sonst?

«Nein, nein, so allein ist es nicht mehr lustig, das Leben.»

Sie gähnt, gießt sich noch einen Kaffee ein und setzt sich wieder an den Küchentisch. Die Tochter hat ihm also geschrieben. Nina nickt vor sich hin, beißt in ihr Butterbrot. Offenbar geht es ihr noch schlechter seit dem letzten Brief und wahrscheinlich will sie wieder einmal Geld vom Alten. Das schreibt sie zwar nie so direkt.

Nina mag sich nur schwach an die Tochter erinnern, sie war ja selber noch ein Kind. Herta. Ein dünnes Mädchen mit wirrem Blondhaar. Verstockt sei sie, sagten die Leute. Hat kaum je ein Wort herausgebracht. Immer auf ihrem alten Trottinett mit dem verbeulten Schutzblech und dem abgeblätterten Lack unterwegs. Die Mutter früh gestorben, war die Kleine allein mit dem Vater. Irgendwann war sie plötzlich weg. «Abgehauen», erzählen die Leute. Damals lebte Nina schon lange nicht mehr am Berg. Zurückgekommen ist Herta auf jeden Fall nie. Nur die Briefe hie und da. Sie scheint nicht klarzukommen mit dem Leben, obwohl sie jetzt wahrscheinlich auch schon gegen Mitte vierzig geht, überlegt Nina.

Aber davon erzählt Gregor nichts. Er erzählt, dass die Tochter glücklich verheiratet sei. Mit einem Anwalt. «Jaja, hat es zu etwas gebracht. Sie lebt in Amerika. Das liegt halt nicht am Weg.» Wenn er das erzählt, schweift sein Blick jeweils in die Ferne. Wird ganz leer. Er vergisst Nina und erzählt von zwei Enkelkindern, die er noch nie gesehen hat. Er erzählt vom Haus, wo sie lebt, diese glückliche Familie. Eines Tages wird Gregor dann nach Amerika reisen. Die Tochter besuchen, die Enkelkinder. Wenn er das sagt, kehrt sein Blick wieder zu Nina zurück. Beinahe trotzig bringt er es hervor.

Nina räumt das Frühstücksgeschirr weg, putzt den Tisch und geht ins Bad. Vor dem wandhohen Spiegel zieht sie ihr Nachthemd aus und wirft es in den Wäschekorb. Wie oft am Morgen schaut sie sich an. Dem Gesicht sieht man die fünfzig an. Aber nur in den Augen. Es sind irgendwie alte Augen, denkt sie jeden Tag. Die Gesichtshaut hingegen ist seltsam alterslos, gespannt wie das Fell einer Trommel, und obwohl sie jeden Tag draußen unterwegs ist oder in ihrem Garten arbeitet, bleibt der Teint blass. Das gibt ihr, zusammen mit dem früh ergrauten Haar, ein beinahe gespenstiges Aussehen. Dann betrachtet sie ihren Körper. Dazu zwingt sie sich, auch wenn sein Anblick zwiespältige Empfindungen hervorruft. Manchmal gefällt er ihr, aber da ist vor allem Ekel und Scham. Er ist ihr eher Last, dieser Körper. Nur schon die monatlichen Blutungen, die jetzt gottlob wohl bald vorbei sind. Und dann die Sache mit der Lust, die sich immer wieder bemerkbar macht.

Sie schaut. Die kleinen Brüste, sonst kaum zu erahnen unter ihrer ewig grauen, weiten Hemdbluse, sind rund und weich, der Bauch sanft gewölbt. Die Hüften schmal, die Beine kräftig und wohlgeformt. Sie streicht kurz über Brüste und Bauch, streicht über die Schenkel hinunter und über das Gesäß wieder hinauf über die Hüften. Nicht gerade lieblos, aber mechanisch und flüchtig.
Ihre Hände gleiten auf die Innenseiten der Schenkel. Zwischen dem drahtig dichten Haargeflecht, das auch schon erstes Grau aufweist, wie Nina letzthin festgestellt hat, finden die Finger dann zielstrebig die Klitorisspitze. Und wie oft am Morgen, reibt sie kurz und heftig, bis sie kurz in einem kaum spürbaren Orgasmus aufflackert.

Ihr Körper ist auch mit fünfzig noch beinahe unberührt von Männerhänden, dem gierig keuchenden Gegrapsche der Männerlust, und ihre Nacktheit ist noch unberührt von Männerblicken. Darauf ist sie stolz, auch wenn sie sich manchmal vor Sehnsucht fast verzehrt. So ist sie erleichtert, dass sie sich seit ein paar Jahren erlaubt, selber Hand anzulegen, und hofft, dadurch wenigstens das mit der Lust in den Griff zu bekommen.

Normalerweise geht ihr Morgenritual schnell und ohne dass sie sich in Fantasien verliert. Es ist nur ihr Körper, der bekommt, was er offenbar gelegentlich braucht.

Heute stockt sie. Plötzlich schleicht sich das Bild eines kleinen, muskulösen rothaarigen Mannes in ihr Hirn. Kraftvoll, erregend. Sie hält das Bild fest. Schaut genauer. Ihre Hand bleibt zwischen den Schenkeln. Spürt ungewohnte Feuchte. Sie sieht sich mit dem Mann wälzen. Die Finger suchen erneut. Reiben. Sieht den Mann auf ihr. Spürt ihn beinahe in sich. In ihrem Kopf wälzen sie sich weiter. Schamlos. Sie erschrickt. Keuchend verscheucht sie dieses Bild, das ihre Morgenroutine durcheinanderbringt, endgültig aus ihrem Kopf. Voller Ärger über ihre unkontrollierten Gefühle und Empfindungen duscht sie lange und eiskalt.

 

2

Auf dem Postamt sortiert sie die Post für ihre Tour, die sie auf verstreut liegende, teils weit abgelegene Höfe und Weiler führt. Nina liebt ihre Arbeit. Sie mag die tägliche Routine, die je nach Wetter und Postanfall doch immer etwas anders abläuft. Sie genießt die Fahrt auf ihrem Roller – das Auto nimmt sie nur, wenn es gar nicht anders geht – den Postsack umgehängt, empfindet sie dabei ein Gefühl von Freiheit. Sie liebt den Geruch von Landwirtschaft, Natur und Wetter, und der weite Blick in die Berge, wenn sie die höchstgelegenen Häuser bedient, öffnet ihr für einen Augenblick das Herz und lässt sie gleichzeitig schmerzlich spüren, wie eng und leer es sich sonst in ihrer Brust anfühlt.

Am allermeisten genießt Nina jedoch das Gefühl der Macht und Kontrolle. Sie kennt die Geheimnisse der Menschen an den Hängen des engen Bergtales. Sie kennt deren Sorgen, Freuden, Lügen. Weiß Bescheid, wer wie viel verdient beziehungsweise versteuert und kennt die Belanglosigkeiten, die sie zuweilen höflich austauschen. Ein spöttisches Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, wenn sie daran denkt, dass es in ihrer Macht läge, die Fäden der Schicksale in die Hand zu nehmen. Oft malt sie sich aus, dass sie Briefe nicht nur läse, sondern verschwinden ließe, ergänzte oder gleich selber schriebe. Dass sie Unrecht rächte, Verstecktes ans Licht zerrte und damit eine ganze Talschaft nach ihrer Choreografie tanzen ließe. Diese heimliche Macht verleiht ihr eine Aura von Unnahbarkeit und die Menschen am Berg wissen nicht so recht, woran sie mit ihr sind.

Viele mögen sich noch an das Kind Nina erinnern. Aufgewachsen im Dorf, auf halbem Weg zum Berg, und in den Ferien oft bei der Tante auf dem Berg. «Ein Mädchen, das etwas im Kopf hatte», sagten die Leute. «Immer die Nase in den Büchern. Trotzdem ein fröhliches Kind. Hilfsbereit und freundlich. Wie die Mutter.»
Als das Kind zehn war, starb die Mutter an Krebs. Der Vater, Posthalter im Tal, war ein ungehobelter Kerl, man mochte ihn nicht. Erst spät hat er geheiratet. Die Zugezogene. Viel Jüngere.
Die Leute mochten sie und niemand konnte sich vorstellen, was sie mit dem alten Säufer verband. Wie sie es aushielt mit ihm. «Eine Dulderin war sie», sagten die Leute. Sie erinnern sich noch, wie oft sie den betrunkenen Mann aus der Beiz nach Hause geschleppt hat, seine üblen Ausfälligkeiten und Beschimpfungen gelassen hinnehmend. Am Morgen stand dann sie im Postamt, wenn der Alte gar zu wüst gesoffen hatte.
Sie half den Nachbarn, hatte ein freundliches Wort für alle und um das Kind kümmerte sie sich rührend. «Eine gute Mutter», sagten die Leute. Irgendwann verschwand ihre Fröhlichkeit und sie verstummte. Lange wusste man nicht, warum. Dann starb sie qualvoll. «Man merkte ihr die Schmerzen an», sagten die Leute später.

Nach dem Tod der Mutter lebte das Kind bei der Tante auf dem Berg. Eine harte Frau. Eine fromme Frau. Nur hie und da an einem Wochenende war das Kind unten beim Vater. Es verstummte auch. «Den Jugendschutz hätte man einschalten sollen. Aber eben, man mischt sich ja nicht gern ein», sagten die Leute. Dann verschwand Nina. Die Leute munkelten. Die Tante schwieg.

Zurückgekommen ist sie als Dreißigjährige, als die Stelle eines Postboten ausgeschrieben war. Sie hat für diese Stelle hartnäckig gekämpft, denn die Vorgesetzten hätten lieber einen Mann gesehen, der über die engen Bergstraßen kurvt. Sie hat sich durchgesetzt und zog ins Haus des Großvaters, auf halbem Weg ins Tal. Der Vater starb bald darauf. «Zu Tode gesoffen», sagten die Leute.

Zeitungen, Briefe und vereinzelte Ansichtskarten stapeln sich auf dem großen, quadratischen Tisch. Nur das Rascheln und Gleiten von Papier auf Papier ist zu hören und das Ticken der großen Wanduhr im Hintergrund. Die zwei Männer und die Frau reden kaum. Marcel legt einen Versandhauskatalog in ein Postfach. «Dass die heutzutage in Folie geschweißt sein müssen», brummelt er vor sich hin, kaum verständlich durch den erloschenen Zigarrenstummel im Mundwinkel. Früher habe er sich jeweils einen längeren Blick auf die Seiten mit der Damenunterwäsche erlaubt, hat er Bruno eines Tages zwinkernd und mit glänzenden Augen erzählt. Bruno, der jüngste in der Runde, schüttelt den Kopf und denkt mitleidig: Alter Knabe, was du nicht sagst. Man sagt im Dorf, dass der Ältere noch heute gelegentlich im Bordell der nahen Kleinstadt verschwinde. Jedem das seine, denkt Bruno. Er hat so was nicht nötig. Ihm, dem Glutäugigen, laufen die Frauen nach und er lässt die Gelegenheiten nicht aus. Er hätte immer etwas zu erzählen. Vom Vorabend. Von der schönen Witwe. Von Begebenheiten auf seiner Tour. Neuesten Klatsch halt. Aber die beiden Alten, wie er Nina und Marcel bei sich nennt, streifen ihn mit Blicken, die ihn sofort schweigen lassen, wenn ihm gelegentlich das Herz gar locker auf der Zunge liegt. Würden doch glatt zusammenpassen, die beiden Geheimniskrämer, denkt er dann. Er kann sich zwar nicht vorstellen, was die zwei miteinander treiben würden. Nina in ihrem immer hochgeschlossenen grauen Hemd, das locker über ihre immer graue Hose fällt, und den seltsam wissenden Augen, wirkt auf ihn nicht gerade erotisch. Aber da kann man sich schwer täuschen, wie Bruno aus eigener Erfahrung weiß.

Marcel brummelt etwas vor sich hin und Bruno träumt. Nach dem schnellen Blick zu ihren Kollegen steckt Nina zwei Briefe in die Beintasche ihrer Hose. Dann beobachtet sie den jüngeren aus dem Augenwinkel. Seine Bewegungen, mit denen er Post in Fächer und auf Stapel verteilt, sind flink. Seine Gestalt wirkt geschmeidig und der Kopf mit dem schwarzen Lockenhaar schon beinahe klassisch. Manchmal spürt sie seinen taxierenden Glutaugenblick auf ihrem Körper und manchmal trifft auch ein direkter, herausfordernder Blick den ihren.

Vor Ninas Augen verschwimmt langsam das Bild vom schönen Bruno und stattdessen taucht das Bild des kleinen, muskulösen rothaarigen Mannes in ihrem Kopf auf. Sie erschrickt. Bruno schaut sie an und sieht mit Erstaunen, dass sie errötet.

Na, so was, grinst er vor sich hin, die eisgraue Nina, die ihn mit ihren seltsamen Augen dazu bringt, den Blick sofort wieder abzuwenden, wird rot! Er wird sie in Zukunft genauer beobachten, nimmt er sich vor und spürt eine leichte Erregung.