«Sie haben es in Ihrem Artikel «Ist Sex vor der Ehe Sünde?», verstanden, die Sexualität in einem breiten Spektrum aufzuzeigen. Bei dieser Gelegenheit interessiert mich, wie Sie zum Thema «Polygamie» Stellung nehmen. Offenbar wird das Zusammenleben eines Menschen mit mehreren Partnern, die sich Tisch und Bett teilen, in der Öffentlichkeit stark unterdrückt, weil moralische Bedenken Ausschlag gebend sind. Der Islam lässt gemäss Koran für einen Mann bis zu vier Frauen unter einem Dach zu, allerdings mit der Auflage, dass er für jede Frau aufzukommen hat. Moralische Aspekte spielen jedoch keine Rolle. Er kann mit jeder schlafen wie es ihm gerade danach ist, und zwar nicht nur einzeln, auch gleichzeitig zusammen, um die Lüsternheit auszuleben», schreibt Johann Maurer (Name geändert)

Eigenveratwortlich leben

Auf den Koran möchte ich hier nicht eingehen, und auch nicht auf christlich geprägte Moralvorstellungen. Ich beschränke mich auf den (zwischen) menschlichen Bereich. Dabei geht es darum, sein Inneres zu prüfen, und zu sehen, was vor sich selber, und meinetwegen auch vor einer «höheren Instanz», vertreten werden kann, und welche Lebensform wirklich nährt.

Eifersucht und Besitzdenken

Die grösste Sehnsucht eines jeden Menschen ist es doch, gesehen zu werden – erkannt zu sein – als ganze Persönlichkeit. Aber das geht nur, wenn wir uns immer wieder zeigen, und zwar mit all den Facetten, die uns nebst schönem Schein auch noch ausmachen. Aber kranken nicht fast alle Ehen und Beziehungen genau daran, dass das Gegenüber vermeintlich geschont wird? Oder anders ausgedrückt, die Ängste, sich einem Gegenüber wirklich zu zeigen sind Riesengross. Ich behaupte, nur wer fähig ist, sich nackt zu zeigen, und die Nacktheit einer Gegenübers auszuhalten, ist fähig eine tiefe, nährende Liebesbeziehung zu leben, und das gilt umso mehr für eheähnliche polygame Verbindungen.

Es mag einzelne Beispiele geben, wo eine solche Verbindung für alle Beteiligten stimmig ist. Aber wie soll eine Gesellschaft etwas leben, was die Mehrheit schon in der Zweierkonstellation kaum schafft? Ich behaupte, als Gesellschaft sind wir nicht fähig tiefe, verbindliche, achtungsvolle, Liebesbeziehungen mit mehreren Menschen zu leben, bei denen nebst all dem Alltäglichen auch Sexualität gelebt wird, und wo alle Beteiligten gleichwertig sind. Zu sehr sind wir, nebst dem sich nicht offenbaren können, von Eifersucht und Besitzdenken geprägt. So schlage ich vor, den Fokus auf der Zweierkonstellation zu belassen, und Schritt für Schritt zu lernen, uralte Ängste zu überwinden.